Rede von Pfarrer Manfred Fischer
zum 40. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer
am 13. August 2001
auf der Gedenkveranstaltung im Berliner Rathaus


Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,
sehr geehrter Herr Präsident des Abgeordnetenhauses,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister,
meine Damen und Herren!

Der 13. August 1961 war ein Tiefpunkt der europäischen Geschichte, wie der 9. November 1989 ein Höhepunkt war. Die Maßnahmen des 13. August 1961 waren eine Aktion gegen die eigene Bevölkerung. Sie diente dem Machterhalt eines kleinen Kreises von Privilegierten. Die aufgeschreckten Bürger, etwa in der Bernauer Straße, die Menschen unten, vor Ort, mochten es nicht glauben. Eine Millionen-Stadt teilen, entlang an Häuserfronten, unter der Erde in der Kanalisation? Das geht nicht! Heiß diskutierten die Menschen am Stacheldraht in diesen Augusttagen oder sie weinten still. Gelegentlich weinen die Opfer - still.
"Wer das sieht, weiß, dass es nicht bleibt, aber dass es dauert ist eine Tragödie" sagten damals weitsichtige Kommentatoren. Heute kennen wir die Dauer: 28 Jahre, 3 Monate. Aber kennen wir schon wirklich die Tragödie?
Wer Geschichte begreifen will, vor allem wenn er nachgeboren ist, braucht etwas zum "Be - greifen".
Hier ein Stein, Bruch eines Backsteins, etwa 150 Jahre alt. Er entstammt der Mauer des Sophienfriedhofs an der Bernauer Straße. Ab 13. August 1961 wurde diese Friedhofsmauer mit Stacheldraht aufgerüstet zur tödlichen Grenzanlage. Dieser Stein wurde damit zu etwas ganz anderem als es in seiner Bestimmung lag. Dabei hatte er sich keinen Millimeter bewegt. So wie diesem Stein mag es manchem ergangen sein.
Im Lauf der Jahre fraß sich der Todesstreifen tiefer und tiefer in den Friedhof hinein. Trauernde konnten nur noch mit Spezialausweis zu ihren Grabstellen. Sie legten Blumen nieder im Angesicht von Maschinengewehren und Wachhundgekläff. Gräber wurden vernichtet, schließlich eine weiße Betonwand aufgestellt. (Der Bundestagspräsident hat uns das in seiner Rede eindringlich geschildert.)
Als Pfarrer der Versöhnungsgemeinde mit Wohnsitz an der Bernauer Straße wurde ich Zeuge dieser Ereignisse.
"Feindwärts", von der Westseite aus, wurde die weiß gestrichene Wand immer wieder von Sprayern bemalt. Das galt als Grenzverletzung. Gelegentlich kamen auch Greifer der DDR-Grenztruppen durch eine Tür in der Mauer - das gab es - und verhafteten ahnungslose Protest-Sprayer vielleicht ausgerechnet für das Aufmalen einer Tür mit dem Spruch "Wer hier durchgeht, bekommt von mir `ne Mark".

Was ich beschreiben will: Die Mauer wurde nicht am 13. August 1961 gebaut, sie wurde ab dem 13. August 1961 gebaut - und sie fiel nicht am 9. November 1989, sondern sie muss seit dem mühsam wieder abgebaut werden.

Bleiben wir bei dieser Mauerstelle in der Bernauer Straße! Am 4. September 1962 wollte ein 40 jähriger Mann in Arbeitskombi und Schiffermütze entlang der Bergstraße auf der Friedhofsmauer in die Freiheit fliehen. Vom Friedhof aus war er durch die Bäume gedeckt. Der Schütze aber lauerte auf der anderen Seite, dem Nordbahnhof. Die Mauer schwenkte hier nach vorne. Der Mann stand bereits auf der Friedhofsmauer Bernauer Straße. Ein Schritt noch. Da wurde er von zwei Schüssen getroffen. Er fiel zurück auf die Grabhügel. Dort blieb er tot liegen. Seine Mütze lag - mit Einschußloch - auf dem Bürgersteig, bereits im Westen. Bis heute erinnert dort eine Steinplatte an das "unbekannte Opfer". Seit dem 16. Mauerschützenprozeß ist mehr über den Fall bekannt. Das Opfer heißt Ernst Mundt, der Schütze Karl-Heinz Maul.
Dass Opfer einen Namen haben und Täter auch, ist mir wichtig.

Das war die Mauer - am Sophienfriedhof - und anderswo. Ihre Wirkung kam nicht allein aus Stacheldraht und Betonplatten, sondern auch aus Gewehrläufen. Und sie wuchs und wuchs, Jahr für Jahr. Die Begrenzung "feindwärts" stand fest, aber die Linie "freundwärts" - wie es auch noch hieß - ging tiefer und tiefer ins Land. Diese Linie war die eigentliche Mauerlinie. Sie war nicht allein Sache der Bautrupps, sondern auch der Grenztruppen, der Volkspolizei. Soweit kann man es auf Bildern und in Filmen sehen. Sie wurde zur Sache von Richtern und Lehrern von Historikern und Journalisten. Sie durchdrang die ganze Gesellschaft, versteinerte Herzen und verwirrte Hirne. Zu den Gewehrläufen gesellte sich das Wort.
Soviel zu einem kleinen Abschnitt, wenige Meter Berliner Mauer. Er ist durch Denkmal-Studie und Prozeß-Akten genauer untersucht und beschrieben. Aber da sind noch 165,7 km und Gott weiß wie viel Opfer. Die konkrete Wahrheit über die Mauer ist noch längst nicht bekannt. Um so größer bleibt der Spielraum für Mauer-Mythen.

Die Wahrheit über die Mauer ist konkret. Sucher nach der Wahrheit dürfen an den Widerständigen nicht vorübergehen, vermeintlich größere Zusammenhänge im Auge. Denn was gibt es größeres, als dass ein Mensch den aufrechten Gang wagt, auch wenn ein totalitärer Staat ihm seine Ohnmacht täglich demonstriert.
Allmacht der Gewaltherrschaft baut auf Ohnmacht der Bürger. Die Mauer ist ein Mega-Zeichen dieses Machtspiels.
Aber Menschen sind nicht Allmächtig - keiner. Wir sind auch nicht ohnmächtig - keiner. Wir sind als freie Bürger geboren - jede, jeder. Die sog. "Maueropfer" haben das gelebt, und die Überlebenden wollen das gewürdigt sehen. In der Bernauer Straße - und anderswo.

Ein letztes bleibt mir zu sagen, wenn deutlich ist, daß die Verwüstung durch die Mauer noch längst nicht ergründet ist, daß die Wahrheitssuche sich an den Opfern orientieren muss. Die erkannte und eingestandene Wahrheit mündet in Versöhnung oder sie mündet in Verhärtung. Denn wer in die Tiefe der Wahrheit schaut, erschrickt zutiefst. Das haben viele in den Lesesälen der jetzigen Birthler-Behörde erfahren, oder an ungenannten Orten mit redlicher Aussprache. Allerdings kann über Versöhnung niemand verfügen, die Täter sowieso nicht, aber auch die Opfer nicht und auch sog. neutrale Dritte nicht. Versöhnung in Wahrheit wird geschenkt.
Als Christ sage ich: geschenkt von Gott. Diese Versöhnung heilt und sie heilt beide, Opfer und Täter - wenn auch auf je verschiedene Weise. Deshalb hat es eine innere Notwendigkeit, dass an der Stelle an der in dieser Stadt der Mauer-Opfer gedacht wird und Dokumentation und Beratung ihren Sitz hat, eine "Kapelle der Versöhnung" einlädt zur Selbstbesinnung vor Gott und vor den Menschen.

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