Predigt von Pfarrer Manfred Fischer
am 13. August 2006
bei der Andacht in der Kapelle der Versöhnung

Sehr geehrte Vertreter des Bundes und der Länder
Sehr geehrter Herr Minister Schäuble,
Sehr geehrter Herr Momper,
Sehr geehrter Herr Wowereit!
Liebe Gemeinde!

Der 13. August 1961 war ein Sonntag - wie heute. Die Glocken der Versöhnungskirche riefen die Gemeinde an der Bernauer Straße zum Gottesdienst - wie jeden Sonntag.
Es war das letzte mal für lange Zeit. Für eine Generation schwiegen unsere Glocken. Sprachen die Waffen an Mauer und Stacheldraht. Stand die Kirche nicht mehr mitten in der Stadt, sondern unzugänglich im Todesstreifen. Heute vor 45 Jahren wurde in Berlin die Mauer errichtet.
Es sah aus wie eine Demonstration der Macht und war doch ein Zeichen der Schwäche. Ein Staat kapitulierte vor seinen Bürgern und machte sie zu Gefangenen. Die DDR war nicht ein Staat mit einer Grenze, sondern eine Grenze mit einem Staat geworden, so Stefan Wolle. Die kommunistische Gewaltherrschaft unterdrückte den Willen des Volkes wie schon am 17. Juni 1953 in der DDR, 1956 in Polen und Ungarn - fünfzig Jahre ist es her, und dann noch nach dem Mauerbau 1968 in der Tschechoslowakei, 1981 in Polen, 1989 in China.
Lieber mauerte man hier in der Bernauer Straße die Haustüren und Fenster zu, als den Bewohnern die Freiheit zu lassen, auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu wohnen.
Wie schrieb Bonhoeffer im Widerstand?
"Ich glaube, dass Gott auf aufrichtige Gebete wartet und antwortet." In der Bernauer Strasse und nicht nur hier, wurde viel gebetet in dieser Zeit. Aber das konnte den Irrsinn auch nicht aufhalten, die Mauer überwältigte hier alles: Häuserzeilen, Hinterhöfe, Werkstätten, Friedhöfe und zuletzt, noch 1985 (!), die Versöhnungskirche und immer traf es Menschen. Das Bild des fallenden Kirchturms zeigte unsere Ohnmacht. Die Gewalt schien im Todesstreifen zu triumphieren. Doch das Beten hörte nicht auf. Und so wurde der Fall der Mauer für Betende zur Erhörung - zur Antwort Gottes.
Darum mußte an dieser Stelle in Deutschland eine Kapelle errichtet werden. Als Dank für das Ende der Gewaltherrschaft in unserem Land.

Dieses Gebet geht weiter. Seit dem 13. August des vergangenen Jahres erinnern wir täglich mittags um zwölf Uhr an die Todesopfer an der Berliner Mauer. Wir nennen die Opfer bei ihrem Namen. Wir gedenken jedes Einzelnen mit seiner einmalige Geschichte, indem ein Bürger der Stadt das Totenbuch nimmt und liest. Ein lebender Bürger für den einen ermordeten Bürger.
Wer Verantwortung übernimmt in unserem Land, politische, journalistische, pädagogische, der darf darauf vertrauen, daß in dieser Kapelle auch für ihn gebetet wird - täglich. Nicht nur hier, aber hier auf jeden Fall. Weil wir erfahren haben, daß Gott antwortet.

Von Dietrich Ritschl stammt der Satz: "Ein Mensch ist das, was man zu und über ihn sagt und was er selbst über sich erzählen kann und was er daraus mit seinem Leben macht." Jeder von uns hat seine unverwechselbare Geschichte. Wenn einer nur das ist, was andere über ihn sagen, ohne selbst erzählen zu können, dann ist er nicht erwachsen, oder er lebt in einer Diktatur, die verhindert, daß er erwachsen wird. Wenn einer seine Geschichte nicht akzeptieren kann, so braucht er Hilfe. Was sich über einen einzelnen Menschen sagen läßt, gilt auch für Gruppen, sogar für ganze Völker. Sie sind Erzählgemeinschaften. "Nur wer Erinnerungen und Hoffnungen teilt, gehört wirklich zusammen." (Ritschel). So sind die Mauertotenbiographien, so ist überhaupt die Zeitzeugenarbeit der Gedenkstätte Berliner Mauer ein Beitrag zu der "großen Erzählung", die auf die Frage antwortet: "Was ist Berlin? Was ist Deutschland? Was ist Europa?"

Hier liegt das Mauertotenbuch. Daß es vorgelesen wird, ist ein Akt der Würdigung der Toten. Oft genug wurden die Umstände ihres Todes verheimlicht oder gefälscht. Sie können endlich ans Licht gebracht werden. Die Geschichte und die Geschichten der Mauer sind aber auch Teil unserer Erzählung, sie können uns in "Erinnerung und Hoffnung" zusammenführen. Wir erzählen doch vom glücklichen Ausgang her. Wir erzählen unseren Kindern oder unseren Gästen vom 13. August 1961 als Menschen, die den 9. November 1989 erlebt haben. Die Opfer werden in dieser Perspektive aus ihrer Opferrolle befreit. Sie werden zu Betroffenen, die ihr Leben aktiv gestalten wollten. Jeder, der die Grenzanlagen zu überwinden versuchte, offenbarte aktiv ihren destruktiven Charakter. Die SED hatte sich an den Besitz der Bevölkerung durch die Mauer gewöhnt, nicht aber die Bevölkerung an die Existenz der Mauer. Das offenbarte jeder einzelne Fluchtversuch.
Dabei gab es nicht nur Fluchtversuche an der Grenze außen. Auch im Land gab es die kleinen Fluchten, die Überschreitung von Grenzen, den aufrechten Gang in einem Land in dem es hieß: Wer kriecht, stolpert nicht. Auch diese Geschichten müssen erzählt werden. Gescheiterte und gelungene Fluchten im Alltag. Ich möchte an den Pfarrer Oskar Brüsewitz erinnern. Er rüttelte mit seinen symbolhaften Handlungen die Menschen auf. Wenn die SED mit großen Plakaten auftrat: "Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein", stellte er dagegen: "Ohne Regen, ohne Gott geht die ganze Welt bankrott". Das Fanal seiner Selbstverbrennung vor genau 30 Jahren bleibt unvergessen. Auch sein Leben, seine Handlungen werden weitererzählt.

Die SED hatte doch behauptet, sie errichte einen antifaschistischen Schutzwall nach außen, baue an einer Friedensgrenze mitten in Europa. Es war nicht Frieden, sondern Krieg, Kalter Krieg. Das Bild des Friedens in Europa konnte nicht eine solche Mauer sein mit seinen Stacheln nach innen.

Ich habe hier ein anderes Bild gesehen: Die Kapelle im wogenden Roggenfeld. Sie haben das Stoppelfeld vor der Kapelle bei ihrer Ankunft schon entdeckt.

Wir haben im vergangenen Jahr Roggen ausgesät - im ehemaligen Todestreifen. Wir wußten nicht, was wird geschehen. Das Korn keimte und wuchs. Der Todesstreifen gab dem Leben Raum. Der karge Boden bedeckte sich mit "einem grünen Kleide". Die Halme ragten hoch auf und ließen den Postenwerg scharf hervortreten. Dann füllten sich die Ähren und neigten sich wie in Ehrfurcht. Ein erhabenes Bild. Kein Stiefel zertrat das Feld. Kein Feuer verzehrte, was gewachsen war. Keine Herrschaft raubte uns die Ernte. Wir fuhren selbst die Ernte ein. Heute stehen hier sechs Säcke Roggen, bereit, gemahlen zu werden und verbacken zu Brot. Das ist Frieden. Das war hier möglich, das ist möglich - hier und anderswo.
Todesstreifen zu Getreidefeldern!


Ich glaube, daß die Geschichte kein gottloses Schicksal ist. Ich glaube, daß Gott auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.
Amen.

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